Archiv der Kategorie: Geschichte

Der Gallier aus Prag

Václav Klaus in Berlin

Nicht alle Tage schlüpft ein Staatsmann in die Rolle des Revolutionärs. Noch weniger ein Staatsmann, der seine Rede damit einleitet, dass er fürchte, der einzige Krawattenträger im Saal zu sein; wozu es in Berlin auch an diesem Abend Grund genug gab. Seine schonungslose Kritik an der Zerstörung der nationalen Souveränität in Europa, an überbordenden Wohlfahrtsstaaten, an der fortschreitenden Entmündigung der Bürger und an einer planwirtschaftlichen Überregulierung des vormals freien Marktes ist spätestens seit seiner Rede vor dem EU-Parlament im Jahre 2009 gewiss nicht unbekannt; damals verließen mehrere Abgeordnete aus Protest den Saal. Es ist aber sehr erfrischend, sie aus seinem eigenen Munde zu hören. Wer immer noch nicht glaubt, dass der Totalitarismus der untergegangenen Sowjetunion in dem der EU seine zwar nicht mörderische, aber ansonsten in vielem vergleichbare Fortsetzung finde, der sollte sich von dem früheren tschechischen Präsident Václav Klaus eines Besseren belehren lassen, der Donnerstagabend auf Einladung der AfD in Berlin sprach und anschließend mit Beatrix von Storch und Alexander Gauland diskutierte.

Den Sieg des »Sozialdemokratismus« durch Import des politischen Systems der EU in sämtliche Mitgliedsländer, die anhaltende Züchtung von »Anspruchsgesellschaften«, die Schwächung, nicht die Stärkung der politischen Zusammenarbeit gleichberechtigter Staaten durch den Lissabon-Vertrag und nicht zuletzt der irrige Glaube an Finanztransfers und »oberflächliche Reformen«, diese insgesamt »passive und unverantwortliche Einstellung«, so Klaus, würden »uns unsere Kinder und Enkelkinder nicht verzeihen«. Bereits Helmut Kohl habe leider kein Ohr für die wirtschaftlichen Probleme gehabt, die mit einer Einheitswährung würden aufkommen müssen. Die postdemokratischen Tendenzen seien, auch wenn die Mehrheit der Bürger dies nicht erkenne, noch gefährlicher als die wirtschaftliche Stagnation. Die Eliminierung jedweder Grenzen sei aber ein tragischer Fehler und die hohe Zuwanderung eine Folge sogenannter sozialstaatlicher Errungenschaften. Schlichtweg jedes Problem werde der Unvollkommenheit des Menschen zugeschrieben; das habe auch Breschnew schon getan. Ein politisches System wie das der EU, das einen solchen Irrglauben pflege, habe keine Zukunft, sei nicht reformierbar und ein Zusammebruch unausweichlich. In der Sackgasse führe der Weg nur zurück, ein Paradigmenwechsel sei daher die einzige Lösung.

»Ich kann nicht sagen, dass ich für Europa bin«, fuhr Klaus dem naiven Gebrauch dieses Begriffs durch den Moderator in die Parade, um immer wieder zwischen Europa und der Europäischen Union zu unterscheiden, »denn ich kann auch nicht für Asien oder Amerika sein. Im Übrigen bin ich Prager, Tscheche und Mitteleuropäer, und von Europa spreche ich höchstens in Australien oder Südafrika, wo man die kleine tschechische Republik nicht kennt«. (Klaus schien jene Werbeplakate vor Augen zu haben, auf denen, wohlgemerkt in Deutschland, Flüge »nach Europa« angeboten werden …) Als die Sprache auf die gemeinsame Geschichte kam, wirkte der mit politischer Großraumromantik nicht zu beeindruckende Verteidiger der Beneš-Dekrete überraschend sympathisch: »Nein, ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine gemeinsame Geschichte mit Finnland, Irland oder Portugal habe.« Würde auch nur ein einziger vergleichbar ehrlicher Satz einem deutschen Politiker entschlüpfen – und sei er noch so geschichtsvergessen dahergesagt –, die Lage wäre weniger trostlos.

»Ich muss immer die jungen Leute korrigieren«, klagte Klaus gegenüber Beatrix von Storch, als er noch einmal den irreführenden Gebrauch des Begriffs »Europa« zurückwies. Die Frage laute nicht, wo Europa ende, wenn es um Europapolitik geht (»Wir sind doch keine Geografen!«), sondern, wo die Grenzen der Europäischen Union lägen. Sein Eigensinn ließ Frau von Storch aber keine Ruhe, und sie erinnerte Klaus an die deutsch-tschechische Geschichte, die auch unter Einbezug der Negativa eine gemeinsame bleibe. Alexander Gauland brachte die lange gesamteuropäische Tradition in Gegensatz zum »bürokratischen Zwangseuropa«, einem reinen Elitenprojekt, dem der Rückhalt in der Bevölkerung fehle. Ein gemeinsames öffentlich-europäisches Bewusstsein gebe es nicht; die Bürokratisierung der EU sei ein ahistorischer Vorgang. Klaus beharrte auf seinem entscheidenden Punkt: Integration ja, Unifikation nein. Seit Maastricht sei die EU auf dem Irrweg. Es gebe keinen europäischen demos, kein europäisches Volk. Für Politiker sei das ein Paradies, das ihnen erlaubt, den Willen des Bürgers zu eliminieren und das jeweilige Nationalvolk zu politischer Ohnmacht zu verurteilen. Aktuell seien nur sechs Prozent der Tschechen für eine Einführung des Euro. Mittel- oder langfristig seien auch nur 16 Prozent dafür, und das heiße, dass die Mehrheit dagegen ist. Was die tschechischen Politiker nicht hindert, gegen ihr eigenes Volk zu handeln.

Die gegenwärtige Misere haben natürlich wir Deutsche zu verantworten, wie Klaus nebenbei bemerkte. Das war nicht in böser Absicht gesagt, und seine Ermunterung an die AfD, langfristig 51 Prozent der Wähler zu gewinnen, war jedenfalls frei von Resignation. Aber zu Klaus‘ Kritik an der europapolitischen Rolle Deutschlands passte allzu gut Gaulands Hinweis, dass die Ideologisierung Europas bei uns am weitesten vorangeschritten sei, weil die Deutschen (insbesondere unsere Eliten) seit 1945 mehr oder weniger auf der Flucht vor sich selbst sind.  Trotz oder gerade wegen des verzweifelten Willens der Deutschen, als gelehrige Schüler der Geschichte zu agieren, führt das Friedensprojekt »Europäische Einigung« immer öfter zu seltsamen Déjà-vu-Effekten.

Die Einheitswährung, die in den wirtschaftlich schwachen Ländern zu großen Verwerfungen und zu einer unerträglichen Bevormundung u.a. durch Deutschland führt (bekommen Krebspatienten in Griechenland eigentlich nach wie vor keine Medikamente?), wird bei uns, wenn der Zahltag kommt, als das erkannt werden, was sie daneben auch ist, als das ruinöse Ergebnis einer weiteren, diesmal von Deutschland kräftig unterstützen Einkreisungspolitik, die sich etwa in den bekanntlich absurden, den realen Verhältnissen nicht entsprechenden Stimm- und Kräfteverhältnissen der EZB niederschlägt. Sehr viel scheint sich im Laufe der letzten Jahrzehnte nicht geändert zu haben, nur dass es diesmal die Lust am Verschwinden gewesen sein wird, die Deutschland für viele Länder so unerträglich dominant machte – ohne dass das »Herzland« sie mit seinem unbestreitbaren Gewicht wirklich beherrschen konnte. Aber auch das ist schließlich ein alter Hut.

Die Verachtung des Eigenen – Neues aus dem Fundbüro Nr. 10

Aus der Rede von Götz Kubitschek am 9. Februar 2015 in Dresden:

»Wir brauchen Zeit, um in diesem Irrenhaus aufzuräumen. Wir brauchen Zeit, um zu uns selbst zu kommen, denn das Eigene hat unser Volk beinahe vergessen. Die Verachtung des Eigenen muß ein Ende haben. Wir müssen die Verteidigung des Eigenen auf unsere Fahnen schreiben.«

Nie wieder Prügel oder Warum wir Putin hassen sollen

In einer wie gewohnt herrlich satt- und volltönenden Tirade hat Michael Klonovsky aus dem hysterischen Putin-Haß deutscher Regierungsvertreter das seit siebzig Jahren daueraktuelle deutsche Selbstverständnis destilliert:

Das Gekläff der meisten deutschen Politiker gegen Putin ertönt hinter den Hosenbeinen ihres transantlantischen Apportiermeisters (und zwar desto beflissener, je näher sie der CDU stehen). Die Lehre, die von deutschen Politikern aus dem Zweiten Weltkrieg gezogen wurde, ist nämlich sehr simpel: Man wollte nach der Prügel zweier verlorener Weltkriege fortan nurmehr noch auf der Siegerseite stehen, koste es, was es wolle, die Tradition, den Nationalstolz, die Ostgebiete, die Währung, die Sprache, die ethnische Substanz – egal. Nur nie wieder solche Prügel! Niemals wieder auf eigene Rechnung Politik machen! Lieber allmählich von der Landkarte verschwinden, als je wieder allein gegen alle stehen. Aber die Untertanen-Mentalität der deutschen Politiker hat sich bei diesem Wechsel auf die Seite der Weltkriegssieger und schließlich auf jene des Triumphators im Kalten Krieg nicht geändert, sie ist so sturheil wie sturdeutsch geblieben, und heute heißt es eben: Amerika befiehl, wir folgen! Sogar Linke, wenn sie mal in Regierungsverantwortung geraten, fressen diese Lektion meist sofort, mögen sie vorher dutzende Male gegen die Amis demonstriert haben; fragen Sie den Fischerjockel oder Trittin. Und was ist aus amerikanischer Sicht seit 100 Jahren das schlimmste politische Szenarium für Europa? Genau: dass Russland und Deutschland sich – nein, nicht einmal verbünden, nur politisch annähern könnten. Allein der Gedanke macht die Amerikaner unruhig, und ein guter Pinscher fühlt Herrchens Erregung und teilt sie stracks, indem er erregt zu tänzeln und zu kläffen beginnt, wie man es ihm auf den Dressurwettbewerben der Bilderberger beigebracht hat. Das ist und bleibt der Modus der deutschen Außenpolitik, der Außenpolitik eines widerlegten, durch Prügel „klug“ gewordenen (Rest-)Volkes.

Für die nüchterne Erwägung dessen, was man gemeinhin nationale Interessen nennt, lässt eine solche Konditioniertheit wenig Raum, Herrchens Wille ist längst der eigene (umso rühmlicher im Nachhinein Gerhard Schröders Weigerung, beim Überfall auf den Irak mitzutun), wer etwas anderes sagt, wird sogar bei einem informellen Abendessen angebellt. Herrchen sieht und hört nämlich alles. Da diese hysterisch verteidigte Unselbständigkeit durchaus etwas Ehrenrühriges hat, schmückt sie sich mit allerlei Gesinnungsputz, mit dem langen Wegs nach Westen etwa oder der Verteidigung von Weltfrieden, Grundgesetz, Menschenrechten umd Mülltrennung am Hindukusch. Oder eben einer Verhinderung des Teufelspaktes von anno 1939. Ohne solche Kosmetik – und das bisschen Kontra seitens der Kanzlerin gegen ein direktes Auf-den-Gegner-gehetzt-werden – stiege die Selbstverachtung ins Uferlose.

(Aber vielleicht liege ich ja völlig daneben, und hinter den Kulissen waltet unbeirrt die gute doppelzüngige Normalität …)

Den vollständigen Beitrag finden Sie hier (Acta diurna vom 14. Februar 2015).

Arschtritt aus dem Führerbunker

Eine Frankfurter Professorin kämpft gegen die Zukunft der Familie und des deutschen Volkes. Ihr Motiv ist antideutscher Rassismus.

Es ist ein Krieg gegen das eigene Volk ausgebrochen, und ohne daß auch nur ein einziger Schuß fallen müßte, soll er mit unserem Untergang enden. Der Aggressor, das sind unsere eigenen Eliten in Politik und Medien. Wir wissen nicht, wer sie steuert, das können wir nur vermuten, aber daß sie gesteuert werden, ist am Ausmaß ihrer Gleichschaltung zu erkennen. Ob sie selbst daran glauben, das Richtige zu tun, wissen wir nicht. Jedenfalls versuchen sie nicht einmal zu heucheln, denn das würden wir merken. Sie lassen keine Selbstzweifel erkennen, und sie geben uns keinen noch so diskreten Hinweis darauf, daß sie etwas anderes dächten als sie sagen. Wenn sie das täten, gäbe es wenigstens einen Grund, unter veränderten »Rahmenbedingungen« auf einen »Politikwechsel« zu hoffen. Der ist nicht in Sicht, und die Temperatur steigt. Zuwanderungspolitik, Familienpolitik und Gleichstellungspolitik scheinen verschiedene Themen zu sein. Aber sie haben eine gemeinsame Wirkung. Diese Wirkung besteht darin besteht, daß die Deutschen ungefähr im Jahr 2035 zur Minderheit im eigenen Land werden. Vielleicht auch schon früher. Unser Bundespräsident teilte uns jetzt aus der Ferne mit, daß er das ganz prima findet, das Motto »Inder statt Kinder« hat er in dem betreffenden Land wiederbelebt. Er bietet mecklenburgische Erde wie Sauerbier an. Es ist aber nicht irgendeine Entwicklung, die wir da erleben, es ist die Folge eines Krieges, dessen Opfer wir, das heißt, unsere nicht zu gebärenden Nachfahren sind. Noch schwimmen wir tief unten in einem kühlen Brunnen, aber dieser Brunnen wurde bereits modernisiert wie alles andere im guten, alten Deutschland auch. Mikrowellen heizen das Wasser, bis es kocht. Das Experiment heißt »Endlösung Deutschland«. Zu seinen treibenden Kräften gehört die Frankfurter Juristin Ute Sacksofsky. Sie findet, daß wir, die Badenden, es nicht besser verdient haben. Sie selbst sitzt wohl irgendwo im Trocknen.

I.

»Ihr Kinderlein kommet – Bevölkerungspolitik als Staatsaufgabe«, so heißt ihre Rechtskolumne vom Juni 2013 im Merkur Nr. 769. Unseren längst geschwächten kollektiven Selbsterhaltungstrieb, soweit er überhaupt noch vorhanden ist, erklärt unsere Professorin kurzerhand für »nationalistisch«. Die Steigerung der Geburtenrate ist nach ihrer Meinung »kein legitimes staatliches Ziel«, dafür aber die kostentreibende Gleichbehandlung von allen möglichen Sonderlebensförmchen, die neuerdings ebenfalls »Familie« heißen sollen, auch wenn sie nie eine werden, weil ihnen die Zeugung von Kindern natürlicherweise verwehrt bleibt. Unser demographisches Problem hält Frau Professor wahlweise für unerheblich oder für begrüßenswert. Dabei genießt sie persönlich das Glück, überhaupt geboren worden zu sein, zu einer Zeit, da es den von ihr geforderten Verzicht auf ein staatliches Interesse an Neugeborenen noch nicht gab. Also nach ihr die Sintflut.

Die sogenannte Gleichbehandlung von offensichtlich Ungleichem erklärt Frau Professor nicht nur für geboten, sondern für zwingend. Warum, das sagt sie uns ganz offen, und dabei spielen irgendwelche gleich zu berechtigenden Gruppen plötzlich gar keine Rolle mehr. Die Berufung auf sie ist nur das Mittel zum abgründigen Zweck: »Gehen wir davon aus, dass es um die Weitergabe deutschen Erbgutes nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft nicht mehr gehen kann [wegen der Kollektivschuld, denkt sich wohl unsere Anhängerin des Morgenthau-Plans, A.L.]: Was wäre  eigentlich so schlimm daran, wenn die Deutschen aussterben sollten (was ohnedies noch ein paar Jahrhunderte dauern dürfte)? Das Territorium, auf dem sich derzeit [!] Deutschland befindet, könnte der Natur zurückgegeben oder (das ist wahrscheinlicher) von anderen Menschen besiedelt werden.«

Damit nicht genug. Wenige Zeilen später folgt ein biopolitischer Arschtritt aus den Tiefen des Führerbunkers, der an Zynismus nicht zu überbieten ist: »Wenn es diese deutsche Kultur nicht schafft, das Leben der kommenden Generationen mitzuprägen, dann muss sie wohl kaum unter Artenschutz gestellt werden.« Und damit die deutsche Kultur ihre Bewährungsprobe auch wirklich nicht besteht, betreibt Frau Professor ihre spezielle Form der Familienpolitik, in der sie unentwegt mit dem Gleichheitsgrundsatz herumwedelt, um alles zu unterstützen, was nicht nach traditioneller Familie – vulgo Kindern – aussieht. Der Gleichbehandlungsgrundsatz ist natürlich nur ein leicht zu durchschauender Vorwand. Um ihn geht es letztlich gar nicht.

Das destruktive Ziel besteht einzig und allein darin, eine positive Bevölkerungspolitik zu unterbinden. Kinder müssen der Frau Professor ein riesiger Dorn im Auge sein, denn deren Eltern kassieren ja Geld vom Staat dafür, daß sie Kinder haben, wie die Autorin nicht müde wird, sich seitenlang zu empören, indem sie jeden Euro Familienförderung einzeln aufzählt. Der Neid spritzt ihr nur so aus der Feder. Nähme man ihr Argument ernst, daß der Staat aus Gründen seiner weltanschaulichen Neutralität keine Geburtenförderung betreiben dürfte, könnte man ebenso gut eine weltanschauliche Neutralität in Fragen der persönlichen Lebenserhaltung konstruieren und fordern, daß Leute, die essen, und Leute, die nicht essen, in keiner Weise manipuliert werden dürften, auch nicht in die Richtung, die ihnen das nackte Leben retten würde: »Wenn du es nicht schaffst, dich zu erhalten, verreckst du halt, und deine Sippe am besten gleich mit. Artenschutz gibt’s nicht! Pech gehabt!«

Was im Einzelfall absurd klingt, weil es die Therapie von Bulimie unterbinden würde, wird von Frau Professor für das deutsche Kollektiv sogar mit Kant begründet und als ganz vernünftig ausgegeben: »Der Mensch soll niemals bloß als Mittel, sondern jederzeit zugleich als Zweck an sich selbst behandelt werden«, schreibt sie und hat, kaum daß der Satz beendet ist, das Wörtchen »zugleich« auch schon wieder vergessen. Sie tut so, als ginge es dem Staat nur um den Menschen als profanes Mittel seines Selbsterhalts, und das findet sie einfach degoutant, wobei sie vergißt, daß auch der Staat aus Menschen besteht – was nichts anderes bedeutet, als daß Frau Professor Menschen degoutant findet, die sich fortpflanzen und erhalten wollen. Jedenfalls, wenn sie das als Angehörige eines Kollektivs namens Deutsche wollen und im Interesse eines deutschen Staates und wenn der ihnen dafür auch noch Geld gibt. Ganz zu schweigen davon, daß auch ein Mensch, der ursprünglich als bloßes Mittel gedacht gewesen wäre (weil die Firma halt einen Erben braucht), spätestens ab dem Zeitpunkt seiner Zeugung unantastbarer »Zweck an sich« ist.

Aber mit der Natalität hat es unsere Frankfurter Juristin nun mal nicht. Daß sie persönlich kein Interesse daran hat, ist ihre Sache, aber daß sie die Öffentlichkeit mit ihrer penetranten Lebensfeindlichkeit manipuliert, damit ein paar Frauen mehr durch die fiktive »gläserne Decke« schießen, geht entschieden zu weit. Gegen Abtreibung zum Beispiel hat Frau Professor, soweit ich sehe, noch nicht das Wort erhoben, jedenfalls nicht im feinen Merkur, obwohl doch dies nun wirklich das Beispiel für eine Tat wäre, bei der es um nichts anderes als eine brutale Zweck-Mittel-Relation geht. Aber hier wird das Kind nicht geboren, und das ist nach Frau Sacksofsky ja nur zu begrüßen. Wenn es darum geht, daß ein Kind nicht geboren wird, darf die kühle Zweck-Mittel-Relation Anwendung finden; wenn es aber darum geht, daß es geboren wird, ist sie nicht erlaubt. Das liegt an der Neutralität des Staates, wir haben verstanden. Und an der Gleichheit von Leben und Tod (genauer gesagt, von Leben und Nicht-Leben), aus der der Tod (genauer gesagt, das Nicht-Leben) bekanntlich als Sieger hervorgeht und in diesem Fall auch hervorgehen soll. Diese dämonische Lebensfeindlichkeit drapiert Frau Professor mit einer zwar hübschen, aber verlogenen Zurückhaltung: »Familie ist der Ort, in dem gesellschaftliche Nützlichkeitserwägungen keinen Platz haben sollten.« Der Satz ist sogar mit Einschränkung richtig, aber hier geht es nicht darum, was in der Familie passiert, sondern außerhalb ihrer, nämlich auf Seiten des Staates.

Mit einem derartigen, nun ja, ich muß es leider sagen, menschverachtenden Müll  wird unsere Frau Professor sogar als Gutachterin im Bundestag gehört und darf dort erklären, daß das Betreuungsgeld dem Gleichheitsgrundsatz widerspräche. Nicht etwa, weil es den Zweck, für den es gemacht wurde, verfehle, sondern den, den Frau Sacksofsky seiner Nichtgewährung höchstpersönlich zuschreiben möchte, nämlich, die Frauen weg vom bequemen Herd ins Berufsleben hinauszutreiben, wo sie bekanntlich allesamt hingehören, seit sie von den Männern nichts mehr unterscheidet (ist da schon wieder Neid auf ein häusliches Leben im Spiel?). Für den Fall einer womöglich »rückwärtsgewandten«, »allein an der Steigerung der Geburtenrate orientierten Politik« (wieso »allein«?) prophezeit die Juristin das Eintreten von »Horrorszenarien«. Aha, dann kommt also Bomber-Harris wieder über den Kanal geflogen und haut alles kurz und klein. So etwa?

II.

Statt uns zu erklären, warum die Zeugung von Kindern auf einmal so gefährlich ist, hat Frau Professor eine weitere Kolumne verfertigt und ebenfalls im Merkur veröffentlicht. Dort äußert sie sich in der neuesten Nummer (777) zum »Märchen vom Untergang der Familie«. Einerseits handelt es sich bei der Rede vom Untergang der Familie also um ein Märchen, andererseits aber ist dieses Märchen doch keines, denn »die Monokultur der auf Ehe gegründeten Familie ist ausgestorben«, schreibt sie, »und kein Staatsrechtslehrer wird sie wiedererwecken können.« Natürlich weiß sie, daß es eine Monokultur in Sachen Familie noch nie gegeben hat. Sie muß aber ihren Gegnern die totalitäre Phantasie unterschieben, es hätte sie gegeben und sie ließe sich auch wiederbeleben. Erstens, damit die Autorin nicht selbst als totalitär dasteht, und zweitens, damit die große, polierte Vase namens Monokultur, gemeint ist aber die Familie, möglichst laut auf dem Boden zerschellt. Hier spritzt ihr zwar einmal nicht der Neid, dafür aber die merkwürdige Zufriedenheit über eine Entwicklung aus der Feder, die normale Leute mindestens bedauernswert finden.

Dazu paßt es, daß sie den tausendmal betonten Gleichbehandlungsgrundsatz gegenüber sozusagen alten und neuen »Familien« an keiner Stelle inhaltlich füllt. Das gehört zur Strategie, denn die substantielle Ungleichheit dessen, was gleich behandelt werden soll, darf gar nicht erst auffallen. Wo es darauf ankäme, den Unterschied kenntlich zu machen, weil es um Kinder und Jugendliche geht, die in Europa bislang zu 72 Prozent glücklicherweise immer noch mit Mama und Papa aufwachsen, werden wir mit leeren Worten abgespeist. Aber bevor wir abgespeist werden, werden wir getäuscht. Die Autorin sagt nichts gegen den falschen und von ihr vermutlich gewünschten Leseeindruck, daß jenes Drittel Kinder, das außerhalb der Ehe geboren wird, von vornherein bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwachsen würde.

Wie es wirklich ist, das interessiert Frau Professor nicht. Und deshalb soll es auch alle anderen nicht mehr interessieren. Das öffentliche Interesse an der auf Ehe gegründeten Familie sei »nicht offensichtlich«, behauptet sie mit einer erstaunlichen Grausamkeit gegen Kinder, die natürlich und grundsätzlich viel lieber bei ihren eigenen, biologischen Eltern aufwachsen. Ob die Kinder »in einer für sie förderlichen Umgebung« aufwachsen (von eigenen Eltern ist nicht die Rede), das hänge »eben nicht an der ›Form‹, in der die Eltern zusammenleben, sondern an den gelebten Inhalten.« Man ahnt, welche Inhalte dazugehören und welche nicht. Möglichst frühe Einführung in die Welt der Darkrooms – ja; Hochzeit von Mann und Frau auf dem womöglich katholischen Dorf – nein. Und dann die »Form«, in der die Eltern zusammenleben. Als ob es nicht zunächst darum geht, daß sie überhaupt zusammenleben. Aber nein, darum geht es der Frau Professor nicht. Da sie es schon nicht mit Kindern hat, hat sie es auch nicht mit dem wünschenswerten Zustand, daß deren Eltern sich zum Wohle ihres Nachwuchses möglichst lieben und vertragen. Schlimmer noch. Es geht ihr nicht nur nicht darum, daß möglichst viele Kinder in den Genuß einer stabilen elterlichen Beziehung kommen. Sie ist sogar dagegen, denn das würde ja die traditionelle Familien-»Monokultur« stärken. Das führt zu einer absurden Konsequenz. Gleichbehandlung und Gleichstellung führen früher oder später zu dem absurden, gedanklichen Kurzschluß, daß es mindestens gleich viele hetero- und homosexuelle »Eltern« geben müsste. Als ob etwas, was nicht wünschenswert ist, sondern allenfalls toleriert werden kann, doch noch wünschenswert wird, sobald es nur genug davon gibt.

Das Recht der Kinder auf ihre eigenen Eltern ist der Preis, den diese schöne neue Welt der Gleichheit kosten darf und kosten soll. Frau Sacksofsky zahlt ihn gern – auf Kosten fremder Wehrloser, deren Mutter sie jedenfalls nicht ist. Gewiß, im strengen Sinn gibt es kein »Recht auf Eltern«, weil auch hier das Schicksal jederzeit dazwischenfunken kann. Im übertragenen Sinn gibt es dieses Recht aber eben doch. Die Erfüllung des natürlichen, menschengemäßen Grundbedürfnisses auf Liebe durch die eigenen Eltern kann zwar, aus welchen Gründen auch immer, beeinträchtigt werden. Aber ein solches Unglück gibt uns nicht das Recht zu einer Kulissenschieberei, bei der die Substanz (eigene Mama, eigener Papa) zur bloßen »Form«-Frage herabgewürdigt und durch beliebige »Inhalte« ersetzt wird. Denn das ist totalitär. Als Stalins Sekretär eines Tages den Namen seiner Frau auf den Todeslisten fand, beruhigte der Chef seinen Mitarbeiter mit den Worten, es werde schon alles gut. Als der Sekretär am Abend nach Hause kam, öffnete eine neue, ihm unbekannte Frau die Tür. Diese Form der Grausamkeit finden wir auch in dem neuen Essay von Frau Sacksofsky, in dem die Frage tunlichst vermieden wird, wie in ihren neuen »Familien«-Formen die beiden leiblichen Elternteile vorkommen, von denen mindestens eins willkürlich durch den gleichgeschlechtlichen »Lebenspartner« ersetzt werden können soll. Was zur Folge hat, daß diese Elternteile von vornherein danach ausgewählt werden, ob sie später Ansprüche auf eine Beziehung zum Kind erheben oder nicht.

Sacksofskys Argumente zielen darauf ab, unveränderliche Naturrechtspositionen abzuräumen, als ob sie spätestens seit den fünfziger Jahren überflüssig wären – seit Kinder, wie alles andere auch, bekanntlich aus der Steckdose kommen. Sie behauptet sogar, der Wertewandel wäre dem Verfassungsrecht als Diskriminierungsverbot »dogmatisch eingeschrieben« und ziele auf »gleiche Anerkennung« in immer neuen Problemfällen ab. Sie verschweigt nur leider, daß dabei die wichtigste Gleichheit unter den Tisch fällt: daß alle Kinder eine eigene Mama und einen eigenen Papa haben, ganz gleich, von wem und aus welchen Gründen sie wie gezeugt wurden. Niemand anderes als Frau Professor selbst macht mit ihrer verrückten Argumentation den Menschen zum bloßen Mittel: die Kinder nämlich, um deren Schicksal sie sich einen Dreck schert und denen man beliebige Lebensumstände aufdrücken kann, die zufällig im Interesse irgendwelcher sexueller Randgruppen liegen. In was für einer Dekadenz leben wir, daß solche Phantasien auf Staatskosten gezüchtet und verbreitet werden dürfen? Daß wir uns unmöglich machen vor dem großen Rest der Welt, der zum Glück nach wie vor anders tickt, und nicht nur in Rußland?

III.

In ihrem erfolgreichen Buch Das Drama des begabten Kindes erklärt die Autorin und Psychoanalytikerin Alice Miller den rapiden Zuwachs von Depressionen in unserer Zeit damit, daß das Leben in mehreren, gleichzeitig existierenden Wertesystemen enorm erschwert wird. Der Halt im eigenen Selbst, und das heißt bei Miller, der lebensnotwendige Zugang zu den eigenen Bedürfnissen und Gefühlen, die Fähigkeit, sie zu artikulieren, wird immer schwieriger. Früher, in abgeschirmten Wertesystemen, half der Zusammenhalt der Gruppe mit. Wenn heute dem Menschen der Halt im eigenen Selbst versagt bleibt, droht die Depression, und das oft lebenslang. Und wo bleibt nach Alice Miller dem Menschen wohl der Zugang zu sich selbst am häufigsten versagt? In narzißtischen Verhältnissen, wo ein Elternteil oder beide vor allem auf sich selbst und ihre eigene Triebbefriedigung bezogen sind und nicht auf das Kind. Wo das Kind von klein auf lernt, seine eigenen Triebe und Bedürfnisse zugunsten der Eltern zurückzustellen, wie zum Beispiel das Bedürfnis nach seinem zweiten Elternteil …

In Zeiten der äußeren und inneren Pluralisierung, der Zunahme globaler Einflüsse und der Vervielfältigung unserer Lebenswelten käme es erst recht darauf an, die daraus entstehenden Zumutungen zu kompensieren. Und zwar durch das beste Mittel, das es gibt. Das ist eine liebevolle Kindheit mit stabilen Beziehungen möglichst zu den eigenen Eltern, die ausreichend Zeit haben, die Bedürfnisse der Kinder vollauf zu befriedigen (in den frühen Jahren sollte das die Mutter tun), so daß das Kind für sein Leben lang »satt« ist und sich derart gestärkt allen kommenden Herausforderungen stellen kann. Anders geht es bekanntlich nicht. Es ist verrückt, diese Notwendigkeit völlig zu ignorieren und ein lebenslang anhaltendes seelisches Massenelend heraufzubeschwören, welches aus dem »Recht auf Anerkennung« neuer, ungleicher »Familien«-Formen folgen würde. Dieses Recht gibt es nicht, denn Anerkennung »gehört zur Selbstdarstellung der anderen«, wie der Rechtsphilosoph Gerd Roellecke betont hat. Und wie man  nicht oft genug wiederholen kann.

Die geforderte »Gleichbehandlung« hat, wie alles, ihren Preis, hier in Form einer dramatischen und verschwiegenen, künstlich erzeugten Ungleichheit. Menschen, die auf eine glückliche Kindheit mit eigenen, nicht narzißtisch auf das gleiche Geschlecht fixierten Eltern zurückblicken können, haben gute Chancen, einigermaßen entspannt auf der Siegerstraße durchs Leben zu fahren. Das weiß und beachtet jeder kluge Personalberater bei seiner Kandidatenauswahl, indem er wie nebenbei den Bewerber nach der Intaktheit seiner Herkunftsfamilie fragt. Die anderen, die schon in den ersten drei Lebensjahren Pech hatten und es nie auf die Siegerstraße schaffen, werden sich künftig bei Leuten wie Frau Professor Sacksofsky bedanken dürfen, die ihren morbiden Gleichheitsterror mindestens solange betreiben würde, bis die Deutschen ausgestorben sind oder nur noch aus seelischen Krüppeln bestehen. Diese biopolitische Grausamkeit, erdacht ausgerechnet von einer Frau, wird uns deshalb so kritiklos präsentiert, weil es sich bei den Opfern ja »nur« um Deutsche handelt, die ihren Anspruch auf Gleichbehandlung mit anderen Völkern dieser Erde bekanntlich verwirkt haben. Vor lauter Eifer merkt Frau Sacksofsky gar nicht, daß wir den Artenschutz, den sie uns verwehren möchte, überhaupt nicht brauchen, besser gesagt, daß man einen Artenschutz für Deutsche nur dann ablehnen kann, wenn man der Meinung ist, irgendjemand hätte die Macht, ihn zu gewähren oder zu verweigern.

Mir persönlich ist diese Sichtweise neu. Ich wüßte nicht, wer eine solche Macht oder ein solches Recht besäße. Vor allem dachte ich immer, daß die Menschenrechte so eine Art Artenschutz wären, die, so verstehe ich Frau Sacksofsky, für uns Deutsche plötzlich nicht mehr zu gelten brauchen. Ich kannte den Artenschutz ganzer Völker bzw. seine Verweigerung bislang nur in der Form, daß zum Beispiel die Nazis den Juden, Polen und wem sonst noch alles den »Artenschutz« absprachen, um den sie niemand gebeten hatte …

Daß Frau Sacksofsky Karriere macht, während sie uns einen Artenschutz abspricht, um den wir sie nicht gebeten haben, verheißt nichts Gutes. Man muß sich nur antifaschistisch und antinationalistisch genug gebärden, damit die Vereinigung mit dem bekämpften Gegenteil sich unbemerkt vollziehen kann – unbemerkt und zugleich vor aller Augen. Auch der Führer war der Meinung, daß unsere Tage zu Recht gezählt seien.

Philosophie der Rache

Es scheint, die Deutschen klagen sich immer noch nicht genug an. Denn Götz Aly will jetzt mit seinem neuen Buch über die Euthanasie im Dritten Reich den Kollektivschuldvorwurf auf das vielleicht letzte Gebiet ausdehnen, das noch davor geschützt war. Aufgrund des massiven kirchlichen Widerstands u.a. von Bischof Graf von Galen wurden die Tötungsaktionen ab 1941 nur noch im Geheimen fortgesetzt. Trotzdem sagte Götz Aly gestern Abend in der Radiosendung »Andruck« (Deutschlandfunk):

»Jedenfalls war das die Erfahrung, die die NS-Führung mit den Deutschen gemacht hat in den ersten anderthalb Jahren des Krieges, dass es möglich war, mitten in Deutschland in sechs Gaskammern, die alle in Sichtweite von Städten, von Kleinstädten, von Wohngegenden standen, wo es roch nach Fleisch, nach verbranntem, dass die das hinnehmen.«

Die Redaktion des Deutschlandfunk stieß in dasselbe Horn: »Die›Aktion T 4‹ war das erste Kapitel des nationalsozialistischen Völkermords, aus dem – so Götz Aly – die NS-Führung die Lehre zog, dass sie ohne größere Probleme Großverbrechen planen und durchführen könne.«

In Wahrheit war das die Lehre, die die NS-Führung gerade nicht zog. Warum wird nun trotzdem das Gegenteil behauptet? Warum wird jetzt verschwiegen, dass die Vernichtungslager nach den »schlechten« Erfahrungen der NS-Führung mit der Euthanasie aus Gründen der Geheimhaltung möglichst abgelegen im Osten des Reiches errichtet wurden?

Die Methode ist allmählich sattsam bekannt: Das Böse der NS-Zeit ist uns einfach nicht genug. Es muss zum absolut Bösen gesteigert werden. Als wäre ein nicht bis zum Absoluten gesteigertes Böses noch nicht böse genug. Nur ein absolut Böses ist uns etwas wert (wer verharmlost hier eigentlich was?). Nun mit einem absolut Bösen kann man das tun, was Hannah Arendt noch für unmöglich hielt, nämlich politisch etwas mit einer Schuld anfangen, die »jenseits aller Schuld« liegt (Arendt). Aus einem grenzenlos gesteigerten Abstraktum lässt sich bei uns politisches Kapital schlagen. Aber wozu?

Während Alys Buch herumgereicht wird, richtet sich der Kollektivschuldvorwurf turnusmäßig auch gegen Adenauer. Seine Widergutmachungspolitk wird plötzlich als amerikahörig diffamiert. Wer hat je geglaubt, dass die USA an der großen Israel-Hilfe unbeteiligt gewesen wären? Da habe Adenauer der eigene Antrieb gefehlt, lautet jetzt die Unterstellung. Der sich selbst beweisende Antisemitismus-Verdacht aus den Gruppenexperimenten der Frankfurter Schule lässt grüßen. Was stellen sich unsere Medienleute eigentlich unter Politik vor? Nichts als reine, unverfälschte Impulsumsetzung, Politik »ohne Welt«? Noch einmal: Worum geht es bei diesem seit Jahrzehnten immergleichen Reflex? Konzentrieren wir uns auf Adenauer.

Der trotz seiner schlechten Erfahrungen deutschfreundlich gebliebene Nahum Goldmann, der als amtierender Präsident des Jüdischen Weltkongresses 1951 mit dem Bundeskanzler in die Wiedergutmachungsverhandlungen eintrat, bezeichnete die vor ihm liegende Aufgabe noch als eine »absolut revolutionäre Idee«. Die damaligen Warnungen einiger SPD-Politiker, darunter Kurt Schumachers, Adenauer werde alles versprechen, aber nichts halten, schlug Goldmann in den Wind.

Später konnte Goldmann schreiben: »Sie hatten unrecht: er hielt zehnmal mehr, als er versprochen hatte; hauptsächlich deshalb, weil er sich dem jüdischen Volk und Israel moralisch verpflichtet fühlte.« Vereinbart wurden sechs Milliarden Mark – in einer Zeit, als auch die Forderungen der Alliierten bedient werden mussten (die Summe der deutschen Entschädigungszahlungen für NS-Unrecht beläuft sich inzwischen auf rund 70 Milliarden Euro). Auch die juristische und wissenschaftliche Aufarbeitung hält an.

Die deutsche Öffentlichkeit hat es sich aber längst angewöhnt, alle deutschen Leistungen an den Forderungen einer weltfremden Gerechtigkeit zu messen und die spezifischen Leistungen dessen, was im Rahmen jeglicher Aufarbeitung überhaupt möglich ist, als ewig unzureichend zu missachten und zu diskreditieren. Wir tun etwas, wofür wir uns nicht gerade auf die Schulter klopfen sollten. Wir tun es aber so, als würden wir es überhaupt nicht tun. Aus diesem immerwährenden Nicht-Genug und aus diesem immergleichen Hervorholen »neuer« Vorwürfe, aus diesem ständigen Ganz-von-vorne-Anfangen spricht eine revolutionär gestimmte Missachtung jeglicher Aufarbeitungspraxis, ein gnostischer Rechts- und Entschädigungsnihilismus, eine einzige Zivilisationsmüdigkeit.

Wenn die These unbedingt lauten muss, dass die Ungeheuerlichkeit von Auschwitz alle regulierenden Prinzipien menschlichen Miteinanders »entwertet« habe; wenn sie lauten muss, dass, weil nichts dieses Unrecht jemals wiedergutmachen könne, alle Wiedergutmachung auf immer unzureichend und zu wenig sein werde, dann freilich kann man die Funktion der Einzigartigkeit des Holocaust besser verstehen. Dann geht es darum, dem »Volk der Täter« einen auf ewig defizienten Status zuzuschreiben und es nicht mehr als Teil der zivilisierten Menschheit ansehen zu müssen. Vielleicht überhaupt nicht mehr als Teil der Menschheit.

Jedenfalls wird es immer schwieriger, das noch zu tun. In der Rede von dem »Versagen« aller Kultur im Angesicht von Auschwitz (weil diese Kultur Auschwitz nicht verhindert habe) steckt aber eine hohe Anmaßung, weil alles, was dem Befund widerspricht, vom geringsten Widerstand bis zur größten Heldentat, automatisch entwertet wird. Wenn a priori die Kollektivschuldthese gelten soll, läuft jeder Hinweis auf eine Ausnahme von der Kollektivschuld auf unzulässige »Relativierung« hinaus.

Es geht offenbar um eine Idee von Gerechtigkeit, die überfordert wird und realisiert werden soll, um eine Gerechtigkeit, die prinzipiell ohne höhere Barmherzigkeit und Vergebung gedacht wird und natürlich auch ohne menschliche. Eine solche Gerechtigkeit mündet automatisch in eine Philosophie der Rache. Die schärfste Verurteilung der Deutschen im Nationalsozialismus leisten sich aber – Deutsche. Das Misstrauen und das Unverständnis des Auslands weckt diese merkwürdige Tatsache schon seit langem.

Wie hieß es auf einer Briefmarke aus der NS-Zeit? »Ein Volk hilft sich selbst.« »Helfen« lassen wir uns auch heute nicht. Jeden Dialog, der unsere Schuld mäßigen könnte, verweigern wir. Wem auch immer. »Jude ist«, wer an der Einzigartigkeit des Holocaust festhält (die orthodoxen Juden, die bei uns neuerdings als »ultraorthodox« verschrien werden, lehnen sie ab). »Wer Jude ist«, bestimmen immer noch wir. Niemals würden wir uns bei einer Beerdigung Hitlers helfen lassen. Den darf uns keiner mehr nehmen, denn was wir sind, sind wir durch ihn und nach ihm.

Wer sich als Deutscher unter die Ankläger reiht und sich gegen das »Tätervolk« stellt, wer als Deutscher die Deutschen anklagt, der mag die Hoffnung hegen, auf diese Weise auf die sichere Seite zu wechseln. Aber warum sollten deutsche Ankläger in geringerem Maße dem »Tätervolk« angehören dürfen als alle anderen? Kann man mit besonders überzogenen Verleumdungen, mit einer Philosophie der Rache, irgendwo Sternchen sammeln wie früher in der Schule?

Tage ohne Papst II

Seltsam, dass es so viele Vatikangegner gibt, die die Sedisvakanz derart in Unruhe versetzt, dass sie tagelang nur über dass Konklave reden können. Um es auch nicht einen einzigen Tag ohne Papst aushalten zu müssen, werden unentwegt Anforderungsprofile aufgestellt und wieder verworfen. Sagenhaft! Wir aber wollen uns hier nicht mit der Papstwahl beschäftigen, sondern mit der Sedisvakanz. Warum mit aller Kraft darüber hinwegreden, dass wir dieser Tage keinen Papst haben? Warum sich nicht auf das konzentrieren, was der Fall ist? Der nächste Papst wird sich schon zu erkennen geben, wenn es soweit ist. – Heute antworte ich auf den Kommentar eines Freundes zu den gestrigen Abdankungs- und Rücktrittsbetrachtungen in »Tage ohne Papst I«.

Kommentar:

Ich habe den Eindruck, dass es sich um wachsende Formlosigkeit handelt – oder besser gesagt, um wachsendes ›Formunvermögen‹. Sind wir inzwischen so kleine »letzte« und auf unser Ich zurückgeworfene Menschen, dass uns alle überpersonellen repräsentativen Formen hoffnungslos zu groß werden?

Meine Antwort:

Ja, ich fürchte, so ist es. Schlimmer noch: Das Leben selbst wird uns »zu groß«. Aber vielleicht sind nicht nur wir das Problem. Vielleicht ist es auch »die Welt«. Anders gesagt, »zu groß« wird die Differenz zwischen Amt und Person, zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Zu groß wird die Differenz zwischen der wirklichen und der utopischen Welt, seit alle Verheißungen des Jenseits hier und jetzt im Diesseits realisiert werden müssen. Sogar der Vatikan scheint an weltfremden Reinheits- und Unschuldsforderungen nicht mehr vorbeizukommen, wenn eine über dreißig Jahre alte Unbeherrschtheit genügt, um aus dem Amt gefegt zu werden.

Jene Differenz hat es natürlich immer gegeben, aber früher, zu Zeiten eines hierarchischen Weltbildes, war sie selbstverständlich. Die Entfremdung war selbstverständlich. Da durfte es in der Welt und auch im Einzelnen ein »Oben und Unten« geben, ein »Außen und Innen«. Heute sollen jegliche Unterschiede und Grenzen verschwinden. Auf diesem Weg lassen die Spannungen im Individuum aber keineswegs nach. Im Gegenteil, sie steigen sogar an. Jeder soll in sich selbst diese ansteigenden Spannungen auch noch zum Ausgleich bringen können. Wer das nicht schafft, wirkt rückwärtsgewandt oder altmodisch, denn am Kreuzungspunkt von Emanzipationsversprechen und Transparenzforderung gibt es das Problem ja eigentlich gar nicht. Der neue Wunderglaube sagt: »Wer ehrlich mit sich und den anderen wäre, der würde zur Klage keinen Grund haben.« So funktioniert der Mensch aber nicht. Da ist eine neue Grausamkeit am Werke, die dem Einzelnen keinen Rückzugsraum lässt, nirgends.

Früher gab es viel mehr Mittel und Wege, Differenzen zu verbergen, zu überspielen, ihnen auszuweichen, sie zu überformen oder zu unterlaufen. Wenn Kaiser Wilhelm II. auf Nordlandfahrt ging, war er vier Wochen lang sehr weit weg und nur per Postboot oder Telegrafie erreichbar. Für heutige Begriffe war er gar nicht erreichbar. Ein Papst  konnte im 19. Jahrhundert noch beinahe wie ein Privatmann durch Rom spazieren. Heute, wo ihn die ganze Welt kennt, lastet auch ihr ganzes Gewicht auf ihm. Milliarden von Menschen verfolgen seine Worte und Wege. Dabei hilft ihnen eine abbruchsüchtige Journaille, die obendrein Krokodilstränen weint (»Respekt!«), sobald sie ein weiteres Opfer an den Rand des Zusammenbruchs gebracht hat. Selbst in den sechziger Jahren konnte ein Kanzler oder Bundespräsident noch sagen: »Um  zehn Uhr abends ist Schluss, aus, Feierabend! Da gehe ich ins Bett, Protokoll hin oder her!« So ein Politiker kam natürlich viel besser durchs Leben als jemand, der sich das mörderische Programm einer Angela Merkel aufhalst.

Es gab Mittel und Wege, die nach und nach abgeschafft und verbaut wurden. Heute kann man der Entfremdung im Amt und durch das Amt desto weniger ausweichen, je höher die unerfüllbaren Ansprüche steigen. Je mehr die Kontrollmöglichkeiten, die Rücksichtsforderungen der politischen Korrektheit und die allseitigen materiellen Erwartungen ausgebaut werden. Da darf man sich nicht wundern, dass die Amtsträger anfangen zu implodieren. Wer niemandem weh tun darf, muss wenigstens schweigen. Er muss innerlich verschwinden. Bundespräsident Gauck hat offenbar schon beschlossen, bald gar nichts mehr zu sagen. Die Ferndiagnose lautet »Depression«. Die stählerne Glätte und Makellosigkeit, die man als hoher Repräsentant heute braucht, um notfalls dem geballten Investigationspotential der Weltmedien standzuhalten, diese Perfektion gibt es überhaupt nicht, bei niemandem. Selbst Heilige waren vermutlich nicht rund um die Uhr heilig. Ohne Differenz gibt es keine Repräsentation. Ohne Differenz kann jeder nur sich selber repräsentieren. Und wir wundern uns, dass das Unbehagen wächst und wächst? Dass höchste Würdenträger anfangen zu kapitulieren?

Tage ohne Papst I

Zur Sedisvakanz fiel mir dieser Tage ein, dass wir ja auch keinen Kaiser mehr haben. Ich will daraus weder einen Wunsch noch eine Forderung ableiten. Es ist mir nur so eingefallen. Und dann fiel mir zur ersten Abdankung eines Papstes seit dem Mittelalter noch ein, dass auch der zuletzt abgedankt habende Kaiser ein Deutscher war, nämlich Kaiser Wilhelm II., der freilich eher ein Nationalkaiser und eigentlich kein richtiger Kaiser war. (Auf unserem Foto sieht man ihn am 4. Mai 1938 in Haus Doorn mit seinem Enkel Prinz Louis Ferdinand von Preußen anlässlich dessen Hochzeit mit Großfürstin Kira von Russland.) Zur Abdankung von deutschem Kaiser und deutschem Papst fiel mir ein, dass  sich neuerdings auch unsere Bundespräsidenten den Rücktritt anzugewöhnen scheinen – was solange ein Unding war, wie man im Amt des Bundespräsidenten noch einen Rest 130310_Hochzeit_Kira_LF_Doornjener Sakralität erkannt hat, die es unmöglich machte, die Königswürde zurückzugeben wie man eine schadhafte Ware dem Verkäufer zurückgibt. Man kann die Königswürde, das Amt des Papstes und eigentlich auch das Amt des Bundespräsidenten genauso wenig zurückgeben wie man das Getauftsein zurückgeben kann. Natürlich, man kann, bislang mit Ausnahme der Taufe. Man soll ja neuerdings auch sein Leben zurückgeben können, und so wird das alles vorsichtshalber auch geregelt. Alles hat ein Ende. Aber Zurückgeben ist etwas anderes. Wenn das Zurückgeben zur Gewohnheit wird, ist es aus mit der Würde. Wahrscheinlich ist es dann auch bald aus mit der Freude. Die Taufe gilt für immer. Mutter- und Vaterschaft übrigens auch. Deshalb gilt: Einmal Papst, immer Papst. Einmal Kaiser, immer Kaiser. Einmal König, immer König. Einmal Bundespräsident, immer Bundespräsident. Weshalb es fraglos richtig, höflich und angemessen ist, Benedikt XVI. weiterhin mit »Eure Heiligkeit« anzusprechen. Warum sollte man dem Papst verweigern, was man sogar Richard von Weizsäcker und Roman Herzog zubilligt, nämlich weiterhin mit »Herr Bundespräsident« angesprochen zu werden? Und zuallerletzt fiel mir das eigentlich nur wegen der höchst merkwürdigen Fundsache Nr. 4 ein, die ich gestern vorgestellt habe.