Sieferle, nächste Runde

Holocaust-Metaphysik als Rechtfertigung jeder denkbaren Zukunft

Im ungeschriebenen Katechismus unserer »Staatsreligion« (Sieferle) steht, dass sie nicht als eine solche bezeichnet werden darf. Das führt zu einer recht fragwürdigen Differenzierung mit ihrerseits antisemitischem Potential. Die Sakralisierung des Holocaust beruft sich ihrem Selbstverständnis nach auf (zweifellos unzweifelhafte) Tatsachen – während die Juden bloß an irgendwas glauben?? In diesem Sinne äußerte sich jedenfalls René Aguigah im Deutschlandfunk (mündliche Fassung): »Das eine ist ’n religiöser Glaubenssatz, und das andere ist (…) ’ne historische Tatsache.« Als Jude würde ich bei sowas an die Decke gehen, jedenfalls als orthodoxer (mein Vater ist Jude, aber nicht orthodox). Auch für diese Gegenstände gilt Meinungsfreiheit, denn sie gilt entweder immer oder gar nicht. Und dass in der Einzigartigkeit des Holocaust bzw. in der »absoluten Schuld« oder auch im »absoluten Bösen«, wie das bei Hannah Arendt noch hieß, massive Probleme stecken, die Rolf Peter Sieferle in Finis Germania radikal bis genial verdichtet ausformuliert hat, wissen wir seit über siebzig Jahren, u. a. auch von Arendt selbst.

Kurz gesagt: Man muss nicht der Ansicht sein, dass der Holocaust verzeihlich wäre (ich bin es auch nicht), um zu bemerken, dass in der Behauptung seiner ewigen Unverzeihlichkeit eine ungeheure Anmaßung steckt, die dem menschlichen Zusammenleben nicht bekömmlich ist (vgl. Vita activa). Einer der ersten, der noch während des Zweiten Weltkrieges darüber schrieb, war übrigens Denis de Rougemont in Der Anteil des Teufels (später bei Matthes & Seitz erschienen). Natürlich zielt die Kritik von Holocaust-Sakralisierung und Massenimmigration (man lese Finis Germania + Das Migrationsproblem) auf das zentrale Nervensystem der deutschen Öffentlichkeit. Die Schmerzen kommen aber von der Krankheit und nicht von der Diagnose, allenfalls von dem verwegenen Versuch, das Schuldtrauma der Schon-länger-hier-Lebenden mit dem Massenimport gewaltbereiter Judenfeinde zu therapieren. Welche Tragik die Sakralisierung des Holocaust sonst noch bereithält, können wir heute kaum erahnen. Ich empfehle dazu folgenden nachgelassenen Aphorismus von Rolf Peter Sieferle, der nicht in Finis Germania steht:

»Einmaligkeit und Aufrechnung. Die Singularität des Absoluten verschlingt alles, da man von einer unendlichen Größe jeden beliebigen Betrag abziehen kann, und sie bleibt doch unendlich. Die Aufrechnung relativiert daher alles, außer der singulären Untat. Dies geschieht retrospektiv: Angesichts von Auschwitz gibt es keine anderen Verbrechen mehr (Du sollst keinen Holocaust neben mir haben). Dies gilt aber auch prospektiv: Nach Auschwitz sind keine Verbrechen mehr möglich, da sie bereits alle geschehen sind. Auschwitz ist daher die totale Erlösung von jeder anderen Schuld, d.h. der historische Freispruch, aber auch der Freibrief zu jeder Untat. Dies ist vielleicht der tiefere Sinn der in den achtziger Jahren zurechtgezimmerten Singularitätsmetaphysik: Die totale Rechtfertigung der Zukunft.«

Morgern erscheint in der Jungen Freiheit (S. 7) mein ausführlicher Beitrag zur Kampagne gegen Rolf Peter Sieferle.

 

Tanzpalastrede

Warum Björn Höcke danebenlag (aber aus anderen Gründen)

Leider beschäftigen sich die großen Medien fast nur noch mit der Frage, was zu sagen verboten sei, statt uns zu sagen, was zu sagen geboten wäre. Geboten, so scheint es, ist nur noch das Verbieten. Ansonsten ist es verdächtig still. Diese Stille haben einige Dresdner nicht länger ertragen und (»gefühlt«) mehr applaudiert als Björn Höcke gesprochen hat. Über die »verantwortungslose Politik gegen das eigene Volk« und darüber, dass es »keine moralische Pflicht zur Selbstauflösung« gebe. Gegen Ende seines Auftritts vom 17. Januar forderte Höcke eine »erinnerungspolitische Wende von 180 Grad«. Der Tag danach war wie immer: voller großer Empörung.

Eine Schande sei es gewesen, dass Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal eine Schande genannt, heißt es. (Hat er nicht, aber jede Gelegenheit ist günstig, darauf hinzuweisen, dass es eine Schande nicht heißen darf, auch wenn keiner es so nennt.) Höcke hat gesagt: »Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat«. Ein Lob der Häme-Nautik! »Denkmal der Schande« bedeutet nicht zuerst »schändliches Denkmal«, sondern Pi mal Daumen »Denkmal zum Gedenken an eine Schande«. Höcke hat gemeint, aber nicht gesagt, was noch 1998 wie folgt in einem deutschen Langzeitperiodikum stand: »Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierende Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.«

Lange nachdem die Idee eines einzigartig bösen deutschen Volkes grundsteinlegend für das Holocaust-Mahnmal wurde (jene Einzigartigkeit, die Joachim Gauck noch 2006 kritisch zu reflektieren wagte, weil sie sich mit dem Christentum nicht verträgt), droht sie das sich neu formierende Deutschland tatsächlich existentiell zu lähmen. Trotzdem und auch schneller als der Urheber jenes Zitats es erleben durfte, wurde es bald auffallend still um das 2005 eingeweihte Mahnmal. Das ist eine große Chance, die nicht von ungefähr kommt. In Anbetracht der Lage, also ihres gemeinsamen Bedrohtseins, könnten und müssten Deutsche und Juden, anders gesagt, Christen und Juden, gemeinsam über die Schatten der Vergangenheit springen. Für die Berliner und ihr Grabsteinfeld hieße das Gebot der Stunde: »Immer daran vorbeifahren, aber niemals darüber reden« ‒ ein altbewährtes Rezept. So könnte sich die Monstrosität (des schuldstolzen Gedenkens, nicht des Holocaust) auf leisen Sohlen verabschieden, würde nicht ausgerechnet Björn Höcke mit seiner Tanzpalastrede in die hoffnungsvolle Stille platzen. Retten kann uns, wenn es wirklich gefährlich wird, nicht das Heilige Römische Reich deutscher Nation, sondern viel eher der eine oder andere heiße Tipp aus dem großen Erfahrungsschatz Israels und dem Überlebenskampf des jüdischen Volkes. – Die Worte von 1998 schrieb Rudolf Augstein im Spiegel.

Geringfügig kürzer zuerst am 18.1.2017 erschienen auf www.manuscriptum.de

Sind kinderlose Singles behindert?

Eine neue WHO-Richtlinie mit absurden Konsequenzen

161027-storchDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) will den Begriff der Unfruchtbarkeit neu definieren. Das berichten verschiedene Medien hier oder hier, und es ist keine Satire: Personen ohne geeignete Sexualpartner und mit unerfülltem Kinderwunsch sollen künftig nicht nur als unfruchtbar, sondern obendrein als behindert (»disabled«) gelten: Kinderlosigkeit als Behinderung? Den Kinderlosen soll dieser neue Status ein Recht auf künstliche Befruchtung verschaffen. Fortpflanzung soll prinzipiell ohne elterliche Paarbeziehung möglich werden. Die Folge wäre, dass die neue Richtlinie weltweit das Ansehen von Ehe und Familie bedrohen würde. Weiterlesen

Dokumentation eines publizistischen Exils

Zum Tod von Ernst Nolte (1923–2016)

Prof. Ernst Nolte (* 11. Januar 1923 in Witten), Historiker; fotografiert in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg. Foto: Thilo Rückeis

Ernst Nolte 2009 in seiner Wohnung in Berlin-Schöneberg. Foto: Thilo Rückeis

Im Alter von 93 Jahren ist am 18. August der Historiker und Geschichtsphilosoph Ernst Nolte in Berlin verstorben. Im Landt Verlag erschienen von ihm die Bücher »Die dritte radikale Widerstandsbewegung: Der Islamismus« (2009) sowie »Italienische Schriften. Europa – Geschichtsdenken – Islam und Islamismus. Aufsätze und Interviews aus den Jahren 1997 bis 2008« (2011). Die Zusammenarbeit mit Ernst Nolte beruhte darauf, dass die großen Publikumsverlage, die seine Bücher zuvor verlegt hatten, im Nachgang des Historikerstreits von 1986/87 nicht gewillt waren, seine späten Arbeiten herauszubringen. Zum Erscheinen von Noltes »Italienischen Schriften« hatte ich eine kleine Ansprache vorbereitet. Der heutige Tag ist geeignet, diese Ansprache anstelle eines Nachrufs einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren als der kleinen Schar von Gästen, die sich vor fast fünf Jahren, am 18. November 2011, in Berlin um den großen Historiker versammelte. Im Anschluss an die Begrüßung trug Ernst Nolte unter der Überschrift »Am Ende eines Lebenswerkes« vor. Weiterlesen

Christentum und Sozialismus – Neues aus dem Fundbüro Nr. 11

Der große russische Religionsphilosoph und Dichter Wladimir Solowjew (1853–1900; wer ihn nicht kennt, lese zum Einstieg seine Kurze Erzählung vom Antichrist) hat seinem Aufsatz über »Die ökonomische Frage« eine bemerkenswerte Fußnote beigefügt, deren Inhalt zum, wie soll ich sagen?, selbstverständlichen Gedankengut eines jeden gebildeten Erdenbürgers gehören sollte – und zwar ganz unabhängig davon, auf welche Seite der von Solowjew beschriebenen »Antithese« er geistig zu wohnen beliebt (zit. nach dem 5. Bd. der Dt. GA der Werke von W. S., München 1976, S. 495):

Der diametrale Gegensatz zwischen Sozialismus und Christentum ist viele Male vermerkt worden, aber sein eigentliches Wesen wird meistens falsch verstanden. Mehr scharfsinnig als tief ist die gängige Bemerkung, der Sozialismus fordere, die Armen sollen den Reichen [ihren Reichtum] nehmen, während das Evangelium fordere, die Reichen sollen den Armen [ihren Reichtum] geben. Der Gegensatz liegt viel tiefer – in der sittlichen Beziehung zu den Reichen selbst: der Sozialismus beneidet sie, aber das Evangelium bemitleidet sie – bemitleidet sie um der Hindernisse willen, die die Bindung an den Mammon für ihre sittliche Vervollkommnung aufrichtet: für die Reichen ist es schwer, in das Reich Gottes einzugehen*. Der Sozialismus sieht dagegen dieses Reich selbst, das heißt das höchste Gut und die Seligkeit, in nichts anderem als eben im Reichtum, nur in einem anders verteilten. Was für die einen ein Hindernis ist, ist für den anderen das Ziel: wenn das nicht eine Antithese ist, so weiß ich nicht, was man als eine solche bezeichnen kann.

* vgl. Lk. 18,24 f.

 

Nachruf auf Rudolf Kreis

Von Rudolf Kreis erschien 2009 im Landt Verlag die Autobiografie Die Toten sind immer die anderen. Spätes Erinnern an eine Jugend zwischen den Kriegen, die hier von Jan Assmann für die Frankfurter Allgemeine Zeitung besprochen wurde – mit dem Fazit: »Wer die Deutschen verstehen will, der lese dieses Buch.« Am vergangenen Mittwoch nun, dem 13. April 2016, ist Kreis 89-jährig in Grassau am Chiemsee verstorben. Er ruhe in Frieden. 

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Rudolf Kreis (1926-2016) im Jahre 2008 (Foto: Andreas Müller)

Kreis, 1926 in Neuwied am Rhein geboren, erlebte »zwischen den Kriegen« eine glückliche Kindheit und  Jugend (Gerhard Nebel war einer seiner Lehrer), bevor er 1943 Soldat wurde und, kaum achtzehnjährig, als Panzersoldat und jüngster Junker der Waffen-SS gegen die hoffnungslos überlegenen Waffen der Alliierten in der Normandie kämpfte. Nach Krieg und Gefangenschaft studierte er  Germanistik, Anglistik und Kunstgeschichte, promovierte und wurde Gymnasiallehrer. In den folgenden Jahrzehnten unterzog Kreis, auch als leidenschaftlicher »68er«, die deutsche Geistesgeschichte einer tiefschürfenden Kritik, deren auch in Büchern über Goethe, Heine, Nietzsche und Kafka veröffentlichte Ergebnisse sein späterer Briefpartner Ernst Nolte ihm als »ausgeprägten Philojudaismus« auslegen sollte.

Kreis‘ Anliegen war aber nicht auf einen Kampfbegriff zu bringen. Davon zeugt seine Autobiografie Die Toten sind immer die anderen, 2009 im Landt Verlag erschienen. Der Autor hatte per Post ein Konvolut mit Aufsätzen und Essays eingereicht, unter denen einige autobiografische Schriften deutlich herausragten. Befragt, ob es noch mehr davon gäbe, schickte Kreis postwendend ein im Laufe von mindestens zwei Jahrzehnten entstandenes Manuskript, das in der deutschen Nachkriegsliteratur einen einzigartigen Platz einnimmt. Weiterlesen

»›Homosexualität‹ ist ein groß angelegtes Täuschungsmanöver«

Interview mit dem Publizisten Andreas Lombard

Homosexuelle Reproduktion gibt es nicht – allen Versprechungen und Hoffnungen zum Trotz. Andreas Lombard sagt: Für den reproduktionstechnischen Markt dienen diese bloß als Türöffner. – Das folgende Interview erschien zuerst auf freiewelt.net

Foto: privat

FreieWelt.net: »Homosexualität gibt es nicht«, behaupten Sie im Titel Ihres neuen Buches. Wie ist diese steile These zu verstehen?

FreieWelt.net: Das müssen Sie mir erklären.

Andreas Lombard: Drei Beispiele: Erstens gilt Homosexualität für unveränderbar, als wäre sie ein sicherer Hafen, eine Art Schutz vor den Unwägbarkeiten des Lebens. Den gibt es nicht. Zweitens gibt es die behauptete Gleichheit nicht. »Gleich« ist Homosexualität nur dann, wenn ich die Fortpflanzung wegdenke. Und drittens führt die Gleichstellung zu einer fiktiven homosexuellen Fruchtbarkeit und am Ende zu einer Diskriminierung der Heterosexualität. Es gibt keine homosexuellen Eltern im Vollsinn des Wortes.

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