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Warnung vor dem Messer

Sie geht sehr aufrecht. Die beleibte, schwarz bekleidete Frau ist dick eingepackt und schiebt auf dem Tempelhofer Damm mit der rechten Hand ihr Fahrrad neben sich her. Es ist früher Nachmittag. In der Linken hält sie eine offene Bierflasche, aber mit gemessenem Abstand zum Körper, sodass die Flasche auch ein Zepter sein könnte oder ein Admiralstab. Die Szene ist nicht ohne Würde. Kurz darauf sitze ich in der S-Bahn. Im rechten Augenwinkel sehe ich einen soeben eingestiegenen Passagier vorbeigehen, der mit geübter Lässigkeit sein Handy aus der Hosentasche herausholt als wäre es ein Revolver oder ein Klappmesser. Es hat sich nichts geändert, denke ich, die Gesten und Bewegungen bleiben doch immer die gleichen. Nur dass neuerdings ein jeder den Status eines König, Penners oder Bandenmitglieds beanspruchen kann. Mehr noch: dass ein jeder einen jeden Status zu jeder Zeit beanspruchen kann und ohne, dass es irgendetwas zu bedeuten hätte. Die Assoziation = Messer würde für ebenso bescheuert gelten wie die Assoziation Bierflasche = Admiralstab. Man hüte sich also davor, den König als Penner anzusprechen oder den Penner als König. Man läge mit Sicherheit falsch und liefe Gefahr, wütenden Protest zu provozieren. Am besten, man hält einfach den Mund.