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Kleinfamilie

Am Gesundbrunnen steigt eine Kleinfamilie in die S-Bahn Richtung Friedrichstraße. Die Eltern sind etwa Mitte Dreißig, der Sohn mag vier oder fünf Jahre alt sein. Er geht an der Hand seines Vaters. Es ist kein Zweifel, dass sie Vater und Sohn sind. Zunächst stehen sie ein wenig unschlüssig im Gang neben der freien Sitzbank, während sich die Frau sofort neben mir niederlässt. Nachdem ich meine Beine eingezogen habe, fordert der Vater seinen Sohn auf, durchzurutschen. Nun sitzt der Junge mir gegenüber am Fenster. Der Vater sitzt neben ihm und gegenüber der mutmaßlichen Mutter, die, wie gesagt, neben mir sitzt. Der Vater fragt den Jungen: »Sitzt Du gut? Ist alles in Ordnung? Ist Dir auch nicht kalt?« Er spricht, als wäre er die Mutter, während die mutmaßliche Mutter schweigt. Der Junge kaut an einem Vollkornbrötchen, das er mit beiden Händen festhält. Er schiebt seine Hüfte vor, bis er fast liegt, und schüttelt stumm den Kopf. Nach den Fragen seines Vaters sagen die Eltern nichts mehr. Auch miteinander sprechen sie nicht. Der Junge blickt mich an. Die Frau hält ihren Kopf leicht nach rechts gedreht, als würde sie an dem Mann vorbei den Gang hinunterschauen. Den Jungen kann sie in dieser Position vermutlich nicht einmal aus dem Augenwinkel sehen. Der Junge kaut, bis er sein Brötchen aufgegessen hat. Ab und zu sieht er mich wieder an, aber je öfter er das tut, desto deutlicher geht sein Blick ins Leere. Ich denke, vielleicht ist die Frau, die neben mir sitzt, gar nicht seine Mutter. In jedem Fall ist sie weit weg, denke ich, und der Vater neigt dazu, die Mutter zu ersetzen. Falls ihm das gelingt, hat der Junge bald nicht nur eine abwesende Mutter, sondern auch einen abwesenden Vater. Dann wird er nicht nur die Anwesenheit seiner Mutter vermissen, sondern auch die Anwesenheit seines Vaters, der damit beschäftigt ist, seine Mutter zu vertreten. Dann wird der Junge einen schweren Weg vor sich haben.

Warnung vor dem Messer

Sie geht sehr aufrecht. Die beleibte, schwarz bekleidete Frau ist dick eingepackt und schiebt auf dem Tempelhofer Damm mit der rechten Hand ihr Fahrrad neben sich her. Es ist früher Nachmittag. In der Linken hält sie eine offene Bierflasche, aber mit gemessenem Abstand zum Körper, sodass die Flasche auch ein Zepter sein könnte oder ein Admiralstab. Die Szene ist nicht ohne Würde. Kurz darauf sitze ich in der S-Bahn. Im rechten Augenwinkel sehe ich einen soeben eingestiegenen Passagier vorbeigehen, der mit geübter Lässigkeit sein Handy aus der Hosentasche herausholt als wäre es ein Revolver oder ein Klappmesser. Es hat sich nichts geändert, denke ich, die Gesten und Bewegungen bleiben doch immer die gleichen. Nur dass neuerdings ein jeder den Status eines König, Penners oder Bandenmitglieds beanspruchen kann. Mehr noch: dass ein jeder einen jeden Status zu jeder Zeit beanspruchen kann und ohne, dass es irgendetwas zu bedeuten hätte. Die Assoziation = Messer würde für ebenso bescheuert gelten wie die Assoziation Bierflasche = Admiralstab. Man hüte sich also davor, den König als Penner anzusprechen oder den Penner als König. Man läge mit Sicherheit falsch und liefe Gefahr, wütenden Protest zu provozieren. Am besten, man hält einfach den Mund.