Sind kinderlose Singles behindert?

Eine neue WHO-Richtlinie mit absurden Konsequenzen

161027-storchDie Weltgesundheitsorganisation (WHO) will den Begriff der Unfruchtbarkeit neu definieren. Das berichten verschiedene Medien hier oder hier, und es ist keine Satire: Personen ohne geeignete Sexualpartner und mit unerfülltem Kinderwunsch sollen künftig nicht nur als unfruchtbar, sondern obendrein als behindert (»disabled«) gelten: Kinderlosigkeit als Behinderung? Den Kinderlosen soll dieser neue Status ein Recht auf künstliche Befruchtung verschaffen. Fortpflanzung soll prinzipiell ohne elterliche Paarbeziehung möglich werden. Die Folge wäre, dass die neue Richtlinie weltweit das Ansehen von Ehe und Familie bedrohen würde.

Gemäß WHO galt bislang als unfruchtbar, wer trotz regelmäßigen Geschlechtsverkehrs binnen zwölf Monaten kein Kind zeugte. Das war aber noch keine Behinderung. In einem »dramatischen Schwenk« schlägt die WHO nun vor, Menschen ohne einen geeigneten Sexualpartner (also Alleinstehende und Homosexuelle mit Kinderwunsch) als »gleichermaßen behindert« (»equally disabled«) einzustufen. Neben der medizinischen Unfruchtbarkeit gäbe es eine soziale. Auf dem Fuße folgt laut WHO daraus das »Recht«, »sich zu reproduzieren« (»to reproduce«). Um das zu realisieren, müssten allerdings Eizellspende und Leihmutterschaft legalisiert werden, die in Deutschland bislang verboten sind. Oder die benötigten Kinder müssten, etwa auf dem Weg der Adoption, woanders herkommen. In jedem Fall würden sie von Subjekten zu Objekten, zu etwas Materiellem, auf das wirklich jeder einen Anspruch hat. Das Ergebnis wären Verteilungskämpfe ganz neuer Art, denn zumindest im reichen Westen mangelt es an Kindern. Obendrein werden sie millionenfach abgetrieben.

Die neue Richtlinie der WHO soll im kommenden Jahr an alle Gesundheitsminister der UN-Mitgliedsstaaten verschickt werden. Zunächst wird es zu Einzelgesprächen kommen, deren Ausgang interessant sein dürfte. Insbesondere die islamischen Staaten können die neue Richtlinie eigentlich nicht annehmen. Aber auch aus christlicher Sicht und sogar aus Sicht der aufgeklärten Moderne ist die Absurdität kaum zu überbieten: Die WHO ermöglicht eine neue Form »selbstverschuldeter Unmündigkeit«. Offenbar sollen neu erfundene »Behinderte« dazu dienen, die liebevolle Zeugung in einen anonymen Produktionsvorgang zu verwandeln. Der Behindertenstatus wirft überhaupt interessante Fragen auf. Kämen auch die sonstigen Vorteile wie freie Parkplätze, Kündigungsschutz und steuerliche Vergünstigungen zum Zuge? Wenigstens das würde die Kinderwünsche exponentiell ansteigen lassen.

Als Familienministerin Manuela Schwesig zum Jahresbeginn die finanzielle Förderung der künstlichen Befruchtung auf unverheiratete Paare ausdehnte, war bereits zu erkennen, dass nach dem Verzicht auf das (bereits geschwächte) Ehegelübde bald auch Einzelpersonen in den Fokus rücken würden. Stabile Zweisamkeit soll keine notwendige Bedingung für die Aufzucht von Kindern mehr sein. Kritikern wird man entgegenhalten, es gebe ohnedies so viele Scheidungen. Aber das ist etwas völlig anderes. Schicksalhaft aufkommendes Unglück ist das Eine, geplantes oder billigend in Kauf genommenes Unglück von Kindern zum Vorteil von Erwachsenen ist etwas völlig anderes. Dass die Sache einen weiteren großen Haken hat, scheint die Öffentlichkeit nicht zu bemerken oder nicht bemerken zu wollen. Denn anders als die natürliche Befruchtung bietet der künstliche Prozess unendliche Möglichkeiten der Regulierung und Machtausübung.

Warum sollte ein Recht auf Kinder überhaupt auf Einzelpersonen beschränkt bleiben und nicht auf amouröse Gruppen oder nachwuchsbedürftige Firmen und Institutionen ausgedehnt werden, sofern sie nur die »liebevolle« Fürsorge glaubhaft versprechen? Wenn die Notwendigkeit einer liebevollen, zweigeschlechtlichen Paarbeziehung entfällt, wird alles möglich. Was geschieht da eigentlich, wenn Einzelpersonen ein staatlich zu realisierendes Recht auf Kinder erhalten? Die Suche nach einem zeugungsbereiten Partner ist bislang eine Frage der Eigenverantwortung. Das Gute daran ist, dass die Partner, die sich zu einer Lebens- oder Aufzuchtgemeinschaft (»soziale Eltern«) entschließen, zugleich eine Art gegenseitige Kontrollinstanz für Charakter und Verhalten des jeweils anderen bilden. Wo zur Zeugung und zum Wohle von Kindern zwei Erwachsene sich finden, kann der Staat in der Regel außen vor bleiben. Kinder von Einzelpersonen dagegen, die ohne zweites Elternteil aufwachsen, drohen zum Ersatzpartner zu werden, was ihre Entwicklung bekanntlich sehr beeinträchtigen kann.

Bei Einzelpersonen mit Kinderwunsch wird der Staat nicht wegsehen können. Sind sie wirtschaftlich und charakterlich überhaupt in der Lage, ein Kind aufzuziehen? Früher oder später wird das irgendjemand beurteilen müssen, denn die Beurteilung durch den Partner entfällt ja. Wer soll diese Beurteilung also übernehmen? Natürlich wird das der Geldgeber sein, also die öffentliche Hand bzw. die Krankenkasse oder wer auch immer die künstliche Befruchtung am Ende finanzieren muss. Derjenige wird auch entscheiden wollen, wen er unterstützt und wen nicht. Und schon ist aus einem natürlichen, urwüchsigen Vorgang ein hoheitlicher Akt geworden. Die neue Freiheit ist keine.

Wenn soziale Unfruchtbarkeit eine Behinderung ist, bedeutet das auf lange Sicht die Verstaatlichung der Fortpflanzung. Oder, da diese sehr teuer ist, eine staatliche Umverteilung von bereits vorhandenen Kindern unter dem Stichwort Gerechtigkeit. Das würde gut zu alten Träumen nicht nur der totalitären Linken mit schier unendlichem Machtpotential passen. Sollte dieser Traum Realität werden, werden herkömmliche Eltern den Primat der Leiblichkeit nicht mehr schützen und verteidigen können. Die Wurzellosigkeit würde zum Programm und die leibliche Verwandtschaft, wenn schon nicht zum Skandal, dann zu einem Aspekt, den man systematisch vernachlässigen könnte und müsste. Der Aufstand gegen Vater und Mutter wird im Namen einer Welt geprobt, die nur noch Kinder kennt. Das passt zu einer vielfach kinderlosen Welt, in der die Erwachsenen schon jetzt immer mehr zu Kindern werden. Aber auf Dauer würde das nicht gutgehen, weil Menschen ohne die zweigeschlechtliche Sozialisation und die Liebe ihrer leiblichen Eltern zeitlebens etwas fehlt. Aber bis man das einsehen und die Konsequenzen ziehen würde, würden viele Kinder sehr viel leiden.

Der Begriff der Behinderung, der Singles und seltsamerweise auch Homosexuellen plötzlich übergestülpt wird wie eine Zwangsjacke, ist dabei eine erstaunlich ehrliche Regieanweisung. Der Mensch, der die Verantwortung für seinen Kinderwunsch an andere delegiert, wird zu einem unmündigen Wesen. Das staatlich zugeteilte und finanziell subventionierte »Recht auf Kinder« ist kein Menschenrecht, sondern das Recht desjenigen, der (gegen Kant und die ganze Aufklärung)  auf seine Mündigkeit und Selbstverantwortung verzichtet hat. Ein solches »Recht auf Kinder« schafft einen neuen Menschen, der das natürlichste und vornehmste aller Menschenrechte, das Recht auf selbstbestimmte und noch dazu kostenlose (!) Fortpflanzung, nicht mehr kennt. Damit würden auch alle anderen Menschenrechte fallen. Wo keine Familie ist, wird es viele Verlorene geben.

PS
Kinderlosigkeit ist keine Behinderung, Homosexualität auch nicht.

Foto: flickr.com/Thomas Kohler