Christentum und Sozialismus – Neues aus dem Fundbüro Nr. 11

Der große russische Religionsphilosoph und Dichter Wladimir Solowjew (1853–1900; wer ihn nicht kennt, lese zum Einstieg seine Kurze Erzählung vom Antichrist) hat seinem Aufsatz über »Die ökonomische Frage« eine bemerkenswerte Fußnote beigefügt, deren Inhalt zum, wie soll ich sagen?, selbstverständlichen Gedankengut eines jeden gebildeten Erdenbürgers gehören sollte – und zwar ganz unabhängig davon, auf welche Seite der von Solowjew beschriebenen »Antithese« er geistig zu wohnen beliebt (zit. nach dem 5. Bd. der Dt. GA der Werke von W. S., München 1976, S. 495):

Der diametrale Gegensatz zwischen Sozialismus und Christentum ist viele Male vermerkt worden, aber sein eigentliches Wesen wird meistens falsch verstanden. Mehr scharfsinnig als tief ist die gängige Bemerkung, der Sozialismus fordere, die Armen sollen den Reichen [ihren Reichtum] nehmen, während das Evangelium fordere, die Reichen sollen den Armen [ihren Reichtum] geben. Der Gegensatz liegt viel tiefer – in der sittlichen Beziehung zu den Reichen selbst: der Sozialismus beneidet sie, aber das Evangelium bemitleidet sie – bemitleidet sie um der Hindernisse willen, die die Bindung an den Mammon für ihre sittliche Vervollkommnung aufrichtet: für die Reichen ist es schwer, in das Reich Gottes einzugehen*. Der Sozialismus sieht dagegen dieses Reich selbst, das heißt das höchste Gut und die Seligkeit, in nichts anderem als eben im Reichtum, nur in einem anders verteilten. Was für die einen ein Hindernis ist, ist für den anderen das Ziel: wenn das nicht eine Antithese ist, so weiß ich nicht, was man als eine solche bezeichnen kann.

* vgl. Lk. 18,24 f.