Frei wie die Esel. Neues aus dem Fundbüro Nr. 6

Bereits Platon vermochte in der »Politeia« (563 a) die Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr auch ohne Automobile als Auflösung der Demokratie zu deuten. Wer als Autofahrer oft genug erschrocken ist, weil er beinahe mit einem Radfahrer ohne Licht zusammengestoßen wäre, der kennt die notorische Uneinsichtigkeit, mit der diese Spezies alle Verantwortung dem Stärkeren zuschiebt, diese seltsame Koketterie mit dem moralischen Mehrwert des Märtyrertodes. Als neulich drei Radfahrer, einen belebten Gehweg zur Abkürzung nutzend, von einem ziemlich schnellen, für die Fußgänger ebenfalls nicht ungefährlichen Inline-Scater angeschnauzt wurden, es gebe doch einen Radweg, da wurde klar, dass sie in ihm ihren Meister finden könnten. Erst der anarchische Rollenfüßler braucht seinen Eigensinn nicht mehr mit der repressiven Verletzlichkeit des Gutmenschen zu panzern. Herrliche Zeiten sind das, wo Pferde und Esel daran gewöhnt sind, frei und vornehm immer geradeaus zu gehen und nicht auszuweichen, denn da ist, wie Platon sagt, auch alles andere »voll Freiheit«.

Erstmals veröffentlicht in der Berliner Zeitung vom 25. Mai 2007