Guillotine. Neues aus dem Fundbüro Nr. 4

Aus den Tagebüchern von Julien Green (Dank an J.P.): »27. Januar [1989] – Der Herzog von Anjou wurde gestern nachmittag in einem Skiort in Colorado getötet. [Halten zu Gnaden: Er wurde nicht »getötet« – es sei denn, es hätte sich um einen Mordanschlag gehandelt –, sondern er kam ums Leben. Im Internet wird allgemein der 30. Januar als Todestag angegeben; vielleicht ergibt sich die Differenz daraus, dass an diesem Tag sein jüngerer Sohn die Erbfolge antrat … Aber fahren wir fort:] Er fuhr im Schnee mit hoher Geschwindigkeit abwärts, und ein quer über die Piste gespanntes Kabel, das das Ziel eines Rennens markieren sollte, hat ihn enthauptet. Es ist zu billig, ›wie Ludwig XVI.‹ zu sagen, doch kommt einem dies in den Sinn. Er war zweiundfünfzig Jahre alt und hinterläßt einen noch nicht fünfzehnjährigen Sohn. Auf diesem jungen Kopf ruht die ganze Zukunft des einzigen französischen Königshauses, wenn es eine Zukunft hat. Grauenhaft dieses Ende des Herzogs von Anjou, dessen Charme und Größe gepriesen wurden. Was die Abkommen des Hauses Orléans betrifft, so werden stets deren Ruhmsucht und Ludwigs XVI. letzte Worte gegen sie sprechen. […]
28. Januar – Die entsetzliche Nachricht aus Colorado, die man nicht gewagt hat dem Sohn zu überbringen. Er ist vierzehn Jahre alt, das Alter, in dem ich war, als ich an jenem unvergeßlichen Vormittag im Dezember 1914 von Mamas Tod erfuhr. In diesem Alter ist ein Schock solchen Ausmaßes nahezu unerträglich. Erst spät erholt man sich davon. Dem Anschein nach. Was soll man zu dem Leichtsinn der Organisatoren sagen, die kein Schild mit dem Wort ›Ziel‹ an den Draht gehängt hatten? Der enthauptete Körper raste aufrecht geradewegs weiter …«

PS
Seinen älteren Sohn hatte der Duc d’Anjou im November 1984 durch einen Autounfall verloren. Für die französischen Legitimisten ist der von Julien Green erwähnte vierzehnjährige Sohn, der heute 38jährige Louis Alphonse de Bourbon, Duc d’Anjou, als »Ludwig XX.« Prätendent des französischen Throns. Er hat inzwischen drei Kinder und lebt mit ihnen und ihrer Mutter, seiner venezolanischen Ehefrau, in Venezuela – weit weg von Europa.