Mein persönlicher Aufschrei: bitte nicht rasieren!

Im aktuellen Spiegel-Interview verrät uns unser Bundespräsident unter der Überschrift »›Ich übe noch‹«, dass er des Morgens als Joachim Gauck aufstehe und erst, während er sich rasiere, »so langsam der Umschwung« zum Präsidenten komme. Als Der Spiegel ihn nach dem Lobenswerten an den 68ern fragt, antwortet er denn auch das, was man vom Amtsinhaber hören will (man weiß ja, dass der Privatmann etwas anders denkt): »… ich lobe sie dafür, dass sie der Wirklichkeit von Schuld einen Raum im öffentlichen Diskurs gegeben haben. Ich habe unter anderem auch am Beispiel der DDR gesehen, was mit einem kollektiven Bewusstsein geschieht, wenn man die Tiefe dieser Einkehr scheut.« (S. 36)

Öffentliche Schulddiskurse erst seit 1968? Hat der Stab des Präsidenten ihm erfolgreich ausgeredet, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit lange vor 1968, genauer gesagt im Mai 1945 begann, im Stillen sogar davor? Bevor Joachim Gauck Präsident wurde, hat er die Auswüchse der Holocaust-Religion angemessen kritisch analysiert. Damals hat er noch versucht, aus dem Schulddiskurs die Ersatzreligion herauszufiltern. Er hat Auswüchse benannt, die nun wirklich, wenn auch nur unter anderem, in der »Einkehr« der 68er wurzeln. Das eigentlich Irritierende an Gaucks Äußerung ist aber nicht einmal das 68er-Lob, sondern das zeitgeistbeflissene Übergehen unserer christlich-abendländischen Religions- und Geistesgeschichte, in der Schuldfragen stets zu den vornehmsten öffentlichen und nichtöffentlichen Angelegenheiten gehörten. Ohne sie wäre die welthistorisch einmalig intensive Aufarbeitung der Vergangenheit, nämlich der nationalsozialistischen, gar nicht möglich gewesen (vgl. etwa Jaspers Begriff der »metaphysischen Schuld«). Natürlich weiß Joachim Gauck das. Er hat bloß versucht, als Präsident den an ihn gerichteten Erwartungen zu entsprechen, und zugleich als gebildete Privatperson hinter seinen wolkigen Worten zu verschwinden.

Die homines novi von 1968 haben mit jenen ehrwürdigen Quellen meist nicht mehr viel am Hut, weshalb sie das vor ihrer Zeit Erreichte in der Regel leugnen – oder entwerten, wo sie es nicht  leugnen können. Warum aber tut ausgerechnet der Pfarrer Gauck so, als hätten die 68er den öffentlichen Schulddiskurs erfunden? Warum opfert ausgerechnet er sein Wissen um die Wahrheit dem legendenbildenden Floskelwesen? Warum nährt ausgerechnet er die defizitäre Selbstverliebtheit der späten Bundesrepublik, während, nur als Beispiel, klaglos und immer häufiger unsere Kirchen geschändet werden? (Vgl. http://smallurl.de/edglka) Im Hinblick auf diese heutigen Vergehen von Schuld zu sprechen und Umkehr zu fordern, könnte für den Bürger eine ehrbare Tat, für einen Christenmenschen eine gute Übung und für unseren Bundespräsidenten ein würdiger Appell sein.

Aber nein, wir werden mit dem Billigsten abgespeist. Mit dem Hinweis auf eine Schuld, für die es kaum noch Schuldige gibt. Mit der Anspielung auf eine Verantwortung, für die jede echte Tat mindestens 68 Jahre zu spät kommt. Derweil das »Tätervolk« vor der heutigen Schändung seiner Kirchen brav die Augen verschließt. »Wie damals«, könnte man sagen, wenn das den Aufrechten von damals, die nicht mitmachten, nicht so viel Unrecht antäte. Wird man uns sagen, dass Schändungen von christlichen Kirchen weniger verboten wären als Schändungen von Synagogen und Moscheen? Wird man sie uns als »Strafe für Auschwitz« schmackhaft machen wollen? Würde der Bundespräsident dem widersprechen und »der Wirklichkeit von Schuld einen Raum im öffentlichen Diskurs« geben? Und wenn ja, wann? – Vielleicht an dem Tag, an dem er verschläft und sich nicht rasieren kann.

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