Von Kügelchen lernen

Was ist das Eigene? Das Eigene ist das Wahre, Schöne und Gute. Ich wiederhole das, weil man es so leicht vergisst. Vermutlich eines der wahrsten, schönsten und besten Bücher überhaupt sind Wilhelm von Kügelgens Jugenderinnerungen eines Alten Mannes über seine Kindheit im frühen 19. Jahrhundert. Es wurde wirklich gelesen, und zwar massenhaft. Weil es so schön ist. Der »Kügelchen« ist Homöopathie für die Seele. Im Kügelchen finden wir alles, was uns heute fehlt. Am Vorabend der Industrialisierung haben alle Dinge, Landschaften und Menschen besonders kräftig geleuchtet. Kügelgens Kindheit war noch wahrhaftig, beseelt, liebevoll, abenteuerlich, gefährlich, traurig und schön. Die Welt war noch groß und weit, und die Tage waren noch lang. Das Leben war unendlich viel mühsamer und gefährlicher war als heute. Deshalb war es auch viel schöner.

Spielzeug wurde ausgedacht, erfunden und vor allem selbstgemacht. In einem fort wurde gemalt, geschnitzt, gegossen, gedrechselt und geschraubt. Ebenso intensiv wurde gewandert, gearbeitet, gelesen, gesungen, musiziert, gelitten, gelernt, gehofft, gelacht und geweint, erzählt und zugehört, geachtet und geholfen. Alles war mit allem verbunden. Es gab noch »ächte« Originale mit ureigenen Angewohnheiten und Prinzipien. In der wackelnden Postkutsche fanden sich die Leute ebenso aufeinandergeworfen wie im Gasthaus. Es sei denn, sie spazierten wie Seume zu Fuß und »schneller als die Post« von Leipzig nach Dresden. Dann freilich gab es die Gefahr, unterwegs ausgeraubt und erschlagen zu werden, wie es auf herzzerreißende Weise dem Vater des Autors am Schluss dieses schönen Buches geschieht.

Auch der Tod war gegenwärtiger als heute, und mit ihm das Leben. Auch die Trauer war gegenwärtiger war als heute, und mit ihr die Freude. Wir wissen, wie wir glücklich sein könnten. Und wenn wir es nicht wissen, weiß es Kügelchen. Aber was machen wir? Wir verlangen nach einem demütigenden Abstraktum wie »kultureller Teilhabe«, natürlich für die anderen, für die Armen. Als ob die nicht mehr lesen könnten. Wir verlangen so unverschämt viel vom Leben, von den anderen, von der Zukunft, von den Medien, von der Technik, von der Forschung, von der Politik oder vom »Service«, dass alles schal wird, was wir sonst noch haben und können. Wir verlangen so viel mehr als das, was wir haben und können, dass uns allein der Abstand unserer Ansprüche von dem, was wir haben und können, depressiv und todessüchtig macht. Wir gieren nach dem Leben, als wären wir tot. Manchmal könnte man meinen, wir wären irgendwann in den zurückliegenden zweihundert Jahren unbemerkt von uns selbst verstorben. Und nun täten wir alles, um nicht wieder aufzuwachen.

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